Hannover, 6.10. 2026. Zum Thema Armut wird viel über Menschen mit Armutserfahrungen gesprochen, aber selten mit ihnen. "Wir wollten das als Caritas in Niedersachsen ändern. Dafür haben wir Armutsbetroffene aus Niedersachsen im Frühjahr zu einer ‚Zukunftswerkstatt Armut‘ eingeladen”, erklärt David Schulke, Landesgeschäftsführer der Caritas in Niedersachsen.
Eine Delegation dieser Gruppe traf sich jetzt mit Landtagsabgeordneten in Hannover. "Als Betroffene haben wir oft Alltagswissen, das in den politischen Meinungsbildungsprozess einfließen sollte", so das Angebot der Gruppe. In Claudia Schüßler, der Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion (mit eigenen Armutserfahrungen aus ihrer Studienzeit), Sophie Ramdor (CDU), der stellvertretenden bildungspolitischen Sprecherin der Fraktion und Swantje Schendel (Grüne), der Sprecherin für Sozialpolitik fanden Sandra, Justin, Yvonne, Oliver und Martin* interessierte Gesprächspartner:innen.
Fachgespräch Armut: Swantje Schendel (Grüne) hört Sandra und Oliver aufmerksam zuFranz Fender
"Reiche Eltern für alle" war die plakative Forderung der Armutsbetroffenen zum Thema Bildung. Sie wünschen sich eine Schule als Talentschmiede, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Die Erkenntnisse der jüngsten Pisa-Studie kennen sie aus eigener Erfahrung. Martin sagt: "Mein Schulabbruch hat nicht einfach mit dem Abendgymnasium 10 Jahre später glücklich geendet. Alle Probleme im Studium und Berufsleben kann ich auf Defizite in der ersten Schullaufbahn zurückverfolgen und diese haben mich sehr viel Zeit und letztendlich Erfolg gekostet." Sandra, alleinerziehende Mutter, erhielt vom Sozialamt den Rat, den Sohn auf die Realschule am Ort zu schicken, um das Fahrgeld zum weiter entfernten Gymnasium zu sparen. Sie ignorierte den Rat und ihr Sohn arbeitet heute als Jurist. Kostenlose Schulbücher, kostenlose Schülertickets ohne viel Antragsaufwand würden allen helfen.
Die Armutsbetroffenen können ihre Erfahrungen auch in der Hilfe für andere einsetzen. Martin und Oliver arbeiten beim Stromsparcheck mit, einer Energiesparberatung. Oft zeigen sich in den Wohnungen neben dem Problem der Energiekosten viele andere Sorgen. "Birnen auszuwechseln ist einfach, aber auf die Menschen in ihrer Not zuzugehen, ist wichtiger", sagt Oliver. Yvonne hilft in einem Sozialen Kaufhaus. Wenn sie ihre Arbeit im Projekt nicht hätte, würde sie sich fühlen "wie die Ratte im Käfig". Sie hat Begegnungen erlebt, wo sich bei armen Menschen "die Verzweiflung entlädt".
"Die Caritas in Niedersachsen wird die Themen der Armutsprävention und die Hilfen für die Betroffenen auch zum Thema der Landtagswahlen 2027 machen. Durch die debattierten Kürzungen im Sozialbereich sind viele Angebote im Netzwerk für Wege aus der Armut in Gefahr", machte David Schulke deutlich. Ausdrücklich dankte er den armutsbetroffenen Menschen als auch den Mitgliedern des Landtags, sowie Egbert Biermann vom Diözesanrat der Katholik:innen, die sich auf dieses Format eingelassen hatten.
*Die vollständigen Namen der Armutsbetroffenen sind der Caritas bekannt.