Sinkende Kinderzahlen könnten den Kitas endlich bessere Rahmenbedingungen für frühkindliche Bildung ermöglichen. Warum jetzt die Politik handeln muss und welche Rolle katholische Kitas dabei spielen, erläutert Sabine Lessel-Dickschat im Interview.

Seit 30 Jahren engagiert sich Sabine Lessel-Dickschat beim Diözesan-Caritasverband Hildesheim für die Qualität frühkindlicher Bildung. Sie leitet das Team der Fachberatung für die 173 katholischen Kindertageseinrichtungen im Bistum und vertritt deren Interessen in politischen Gremien auf Landes- und Bundesebene.
Die Zahl der Kinder in den Kitas geht zurück. Entspannt sich damit die Situation?
Lange ging es vor allem darum, Plätze zu schaffen und dem Fachkräftemangel zu begegnen. Die Qualität ist dabei oft zu kurz gekommen. Die demografische Entwicklung eröffnet uns jetzt eine echte Chance. Statt reflexartig Personal abzubauen oder Gruppen zu schließen, sollten wir die freiwerdenden Ressourcen nutzen, um die Qualität nachhaltig zu verbessern. Weniger Kinder dürfen nicht automatisch weniger Investitionen bedeuten.
Was müsste sich konkret verändern?
Wir brauchen kleinere Gruppen, verlässliche Personalschlüssel und mehr Zeit für die pädagogische Arbeit. Wir schlagen ein flexibles Modell vor: zwölf Kinder in Krippengruppen und 20 in Kindergartengruppen als Regelgröße. Steigt der Bedarf, können die bisherigen Höchstgrenzen von 15 bzw. 25 Kindern wieder ausgeschöpft werden. So verbessern wir die Bildungsbedingungen, ohne die Flexibilität bei der Platzversorgung aufzugeben. Familien brauchen verlässliche Betreuung.
Können sich die Kommunen das angesichts knapper Haushalte leisten?
Die finanziellen Herausforderungen der Kommunen sind uns bewusst. Trotzdem wäre es kurzsichtig, den Rückgang der Kinderzahlen nur als Sparmöglichkeit zu sehen. Wir sprechen bewusst von einer demografischen Rendite. Frühkindliche Bildung ist keine freiwillige Zusatzleistung, sondern eine Investition in die Zukunft.
Welche Rolle können katholische Kitas dabei übernehmen?
Katholische Kitas stehen für ein christliches Menschenbild, das die Würde und Einzigartigkeit jedes Kindes in den Mittelpunkt stellt. Jedes Kind ist willkommen, unabhängig von Herkunft, Religion, Entwicklungsstand oder familiärem Hintergrund. Das muss im Alltag spürbar werden.. Religionssensible Bildung ist mehr als das Feiern christlicher Feste. Sie gibt Kindern Raum für Fragen nach Gemeinschaft, Hoffnung, Trost und dem, was Menschen trägt. So können katholische Kitas Orte sein, an denen Kinder Zugehörigkeit erleben und unterschiedliche Glaubens- und Lebensvorstellungen respektiert werden.