Angelika Röde ist Seelsorgerin in Hildesheim in der JVA für Frauen und im AMEOS Klinikum. In ihren Gesprächen kommen die Gebetbücher der Caritas mit gesammelten Lieblingsgebeten von 2013 zum Einsatz, wie sie im Interview mit Svenja Koch erklärt.
Liebe Angelika Röde, Sie haben bei uns im Caritasverband Gebetbücher bestellt. Das haben wir selten. Als ich eines ihrer Gebetbücher aufgeschlagen und darin geblättert habe, habe ich sehr schnell festgestellt, dass mir die einfache Sprache und der Alltags- und Lebensbezug gut gefällt. Und ich glaube, das ist es auch, was die Menschen brauchen: eine einfache, verständliche Sprache. Das Büchlein zeigt auf, wie vielfältig Gebet ist und dass jede und jeder Gebete formulieren kann.

Welche Wirkung oder Funktion können Gebete in Ihrer Arbeit entfalten?
Gebete haben eine Wirkung. Sie können Sprachlosigkeit überwinden und Unsagbares ausdrücken. Gebete können emotional entlastend wirken (klagen - bitten - danken). Aus den Psalmen kennen wir die Bandbreite von Freud und Leid. Gebete können Angst und Stress reduzieren und innere Beruhigung fördern. Ein Gebet kann strukturieren, stabilisieren und beruhigen. Es kann eine Erfahrung von Angenommensein geben. Gemeinsames Gebet hat Kraft - das erlebe ich auch immer wieder. Und wenn es von den aufgezählten Wirkfaktoren nur eine Wirkung hat, ist das manchmal schon sehr viel. Ich habe in meiner Arbeit noch nie so viel gebetet mit Menschen, wie an den Orten, wo ich heute tätig sein darf.
In der Krankenhausseelsorge kommen die Bändchen auch zum Einsatz. In welchen Fällen können sie nützlich sein?
Gebete und Gebetbücher können nützlich sein, wenn die eigenen Worte fehlen. Bei schlechten Nachrichten oder bei Sprachlosigkeit durch Angst, Schmerz oder Erschöpfung. Bekannte Gebete wirken manchmal wie ein Anker und etwas Vertrautes in schweren Zeiten.
In der JVA für Frauen können Sie das Buch auch einsetzen. Was ist den Frauen dort wichtig?
Freiheitsentzug bedeutet Isolation: Trennung von Familie, Freunden, Beruf, Verlust von Rollen, Stigmatisierung und gesellschaftliche Ausgrenzung. Da stellt sich die Frage: Welchen Sinn hat mein Leben? Was gibt mir Halt? Wofür lebe ich? Diese Fragen sind zutiefst religiös:
Deshalb haben Gebete im Gefängnis eine besondere, oft existenzielle Bedeutung. Sie sind dort weniger religiöse Pflicht als vielmehr Überlebens- und Hoffnungsräume. Vielleicht kann man es auch so ausdrücken: Gebete erlauben, ehrlich zu sein - ohne Rechtfertigung. Ein Gebet erinnert daran: Ich bin angesprochen - gesehen - gemeint.
Angelika Röde JVA-Seelsorgerinprivat
Kurz gesagt: Gebete im Gefängnis sind Räume, in denen Schuld nicht das letzte Wort hat und Freiheit neu gedacht werden kann. Und das beginnt manchmal mit ganz wenigen und einfachen Worten.
Haben Sie ein Lieblings-Gebet?
Ich mag sehr gerne den Psalm 18. In Vers 20 heißt es: "Du führst mich hinaus ins Weite, du machst meine Finsternis hell". In den Worten steckt für mich viel Halt und Zuversicht.