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Stand: 19.10.2017

Aktuelles/ Oktober 2017

Caritas-Fachverband

Hinsehen, hingehen – und helfen

Gabriele VolkmerGabriele Volkmer ist Vorsitzende der Caritas-Konferenzen im Bistum Hildesheim. Foto: Kirchenzeitung im Bistum Hildesheim

Als der heilige Vinzenz von Paul vor 400 Jahren die Damen der christlichen Liebe gründete, soll er gesagt haben: Es fehlt nicht an Barmherzigkeit, sondern an ihrer Organisation. Würden Sie diesen Satz heute noch unterschreiben?

Ja. Es gibt viele Menschen, die helfen wollen. Aber es mangelt an organisierter Hilfe und Absprache. Reiner Aktivismus nützt nichts. Wir müssen zusammenarbeiten und mit anderen Gruppen kooperieren. Ein Netzwerk bilden. Genau das ist die CKD - ein Netzwerk von Ehrenamtlichen.

Ein weiterer Satz des Heiligen: Die Armen sind Eure Herren. Wie würden Sie diese Aussage ins Heute übersetzen?

Jesus Christus ist unser Herr und Meister. Er sagt: Was ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern tut, das habt ihr mir getan. Ergo ist jeder Hilfsbedürftige unser Herr! Ich denke da an meine Hospizarbeit: Wenn ich bei einem für mich fremden Menschen, der schwer krank ist, am Bett sitze, die Hand halte, schweige und bete.

Und eine dritte Bemerkung von Vinzenz kann ich Ihnen nicht ersparen: Ihr müsst gemeinsam gegen die Armut handeln. Ist das nicht eine Aufforderung zur politischen Einmischung?

Ja. Praktische Hilfe ist gut und richtig. Aber wir müssen versuchen, die Ursachen zu bekämpfen und die Rahmenbedingungen zu verbessern: Zusammenarbeit mit anderen Wohlfahrtsverbänden und den Sozialausschüssen der Stadt und des Landkreises. Zum Beispiel, wenn ich mich für einen Asylsuchenden bei den Behörden einsetze.

Blicken wir auf die Caritaskonferenzen im Bistum: Was zeichnet die über 90 Gruppen vor allem aus?

Die Vielfältigkeit. Den Besuchsdienst für Geburtstage, Altenheim und Krankenhaus machen die meisten Gruppen. Aber viele Gruppen haben noch zusätzliche und spezielle Aufgaben: Sozialsprechstunde, Kleiderkammer, Behördenbegleiter, Arbeit mit Flüchtlingen, Sprachkurse, Mittagstisch, Hausaufgabenhilfe, Tafel oder Hospizarbeit.

Die Arbeit der Gruppen lebt von Nähe, nun sind unsere Pfarreien größer geworden. Hat das Veränderungen mit sich gebracht?

Nein. Auch wenn eine Pfarrei häufig zwischen drei und fünf Kirchorte hat, versuchen
wir für jeden Kirchort eine Gruppe zu haben. Nur da kennen wir uns gut aus: mit den Menschen und mit den Örtlichkeiten.

Oft heißt es: Ihr besucht doch bloß Leute. Was ist so wichtig an den anscheinend eher unbedeutenden Besuchen?

Ganz einfach: die Zeit und Zuwendung für den Menschen, das Zuhören und das Dasein!

Wer anderen hilft, findet selbst Halt im Glauben. Stimmt das und was macht die CKD in Sachen Spiritualität?

Ja. Ich mache diese Arbeit aus meinem Glauben heraus. Die CKD bietet viel in Sachen Spiritualität an: Vier Mal im Jahr dreitägige Besinnungstage mit unserem geistlichen Begleiter Pater Aperdannier. Und wir haben in den letzten Jahren mehrere Arbeitshilfen erstellt mit Meditationen,Gebeten, Texten und Bildern
für die Gruppenarbeit. Jede Leiterin einer Gruppe hat diese erhalten.

Ein Stichwort einer sich entwickelnden Tätigkeit der CKD ist die "Sozialraumorientierung". Was heißt das konkret?

Das heißt: hinsehen, hingehen, helfen. Das sind einfache Worte, die nicht erklärt werden müssen! Aber helfen bedeutet nicht, dass nur ich aktiv werde. Sondern ich versuche, Wege aufzuzeigen, damit
der Betroffene selbst aktiv werden kann. Hilfe zur Selbsthilfe - ein vielleicht etwas abgedroschenes Wort.

Nächstenliebe hängt immer von Rahmenbedingungen ab. Haben Sie einen Wunsch ans Bistum? Und an die Politik?

Mit der Unterstützung unseres Diözesan-Caritasverbandes bin ich zufrieden. Auf die Unterstützung unseres Bistums habe ich große Hoffnung auf die nächsten Jahre, wenn die überpfarrliche Personalentwicklung abgeschlossen ist und wir auch mehr pastorale Unterstützung bekommen!
In der Politik müsste es besser werden. Um nochmals darauf hinzuweisen: Wir müssen uns mit den anderen Wohlfahrtsverbänden zusammentun, um Druck in der Politik auszuüben. Nur gemeinsam sind wir stark!

Der Blick in die Zukunft: Ist ehrenamtliche Caritasarbeit ein Auslaufmodell oder etwas mit Perspektive?

Es ist kein Auslaufmodell! Ehrenamtliche Caritasarbeit wird es immer geben. Nur unter anderen und wechselnden Bedingungen. Wer hätte vor fünf Jahren an Flüchtlingsarbeit gedacht? Da passt ein Wort des heiligen Thomas von Aquin: "Für Wunder muss man beten, für Veränderungen muss man arbeiten."

Interview: Rüdiger Wala, Oktober 2017

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